Keine Einigung über Zeit oder Geld

Tarifparteien vertagen Verhandlungen für Chemieindustrie

Hannover. Ohne Ergebnis ist die erste Tarifverhandlung über Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen von 66 000 Beschäftigten in der norddeutschen Chemieindustrie heute zu Ende gegangen. Neben deutlichen Erhöhungen von Entgelten und Ausbildungsvergütungen will die IG BCE in diesem Jahr vor allem die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen verbessern: Ein „Zukunftskonto“, auf das für alle Beschäftigten jeweils tausend Euro pro Jahr eingezahlt werden, soll deren Entscheidungsfreiheit über Zeit oder Geld vergrößern. Eine tarifliche zusätzliche Pflegeversicherung soll sie im Pflegefall finanziell entlasten. Eine Offensive zur Qualifizierung der Beschäftigten soll den digitalen Wandel begleiten und dabei die Arbeitsplätze absichern. Der Arbeitgeberverband Chemie Nord hat in dieser ersten Verhandlungsrunde auf regionaler Ebene kein Angebot dazu gemacht.

Sigrid Thomson

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Ralf Becker, Leiter des IG-BCE-Landesbezirks Nord und Verhandlungsführer auf Gewerkschaftsseite, begründete die Forderungen mit den veränderten Bedürfnissen arbeitender Menschen durch den demografischen und technologischen Wandel: „Kein Arbeitsplatz wird so bleiben, wie er heute ist. Qualifizierung dient nicht nur der Karriere, sondern ist erforderlich, um den eigenen Arbeitsplatz dauerhaft besetzen zu können. Deshalb bedarf es einer Qualifizierungsoffensive begleitend zur Digitalisierung.“

Parallel dazu will die Gewerkschaft die Entscheidungsfreiheit ihrer Mitglieder über deren Zeit vergrößern. Dazu soll ein „Zukunftskonto“ mit tausend Euro jährlich pro Beschäftigtem beitragen, über dessen Verwendung frei verfügt und das so auch für zeitliche Entlastung genutzt werden kann. Mit einer tariflichen Pflegezusatzversicherung will die IG BCE Arbeitende für den Pflegefall besser absichern. Becker: „Wir brauchen die zusätzliche Pflegeversicherung, damit Menschen nicht in die Armut rutschen, wenn sie pflegebedürftig werden oder für die Pflege Angehöriger aufkommen. Auch die Unternehmen müssen sich auf eine steigende Zahl von pflegenden Angehörigen vorbereiten.“ Eine solche Versicherung wäre die erste tarifliche Pflegezusatzversicherung in Deutschland.

Eine Diskussion seitens der Arbeitgeber allein über die wirtschaftlichen Risiken ist zu kurz gegriffen. „Wir müssen jetzt handeln, um Maßnahmen für die Zukunft zu treffen“, so Becker.

Am 21. Oktober werden die Tarifverhandlungen in der Chemieindustrie auf Bundesebene in Hannover fortgesetzt.

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